Spieglein, Spieglein an der Wand: Windkraft

Like a tree in the wind III

Im Märchen tritt das Spieglein an der Wand als unbarmherziges (naja, ein wenig euphemistisch argumentierendes) Objekt auf, dass die Schönheit der bösen Stiefmutter dann doch immer wieder der von Schneewittchen unterordnet. Die Publikation „DER SPIEGEL“ samt Online-Ableger SpOn kennt dagegen Themen, bei denen der journalistische Wahrheitsanspruch dann doch einmal zurücktreten muss. Eines der Lieblingsthemen dieser Art ist die Erzeugung von Energie durch Windkraft. Das war schon vor fünf Jahren so: bei der Windenergie kannte der Spiegel keine Gnade, sondern sah – nicht zuletzt der Pferdehaltung durch Chefredakteuer Austs zuliebe – rot.

Jetzt ist es wieder so weit. Auch wenn es nicht ganz einfach ist, den verlinkten Artikel von Spiegel-Wirtschaftsredakteur Anselm Waldermann (dem das Thema wohl am Herzen liegt) knapp zusammenzufassen: die Hauptaussage ist so ungefähr, dass 1. Windenergie dem Klima weniger nützt als Kohlefilter (wegen Emissionshandel), dass 2. die Grünen schuld waren, und dass 3. im letzten Absatz auch der rot-grüne Wirtschaftsminister Clement Erwähnung finden muss. Nichts verstanden? Kein Wunder, so in etwa liest sich das – aber immer schön investigativ im Stil.

Der Klima-Lügendetektor fasst es (mit schönem Don Quijote-Verweis) etwas besser zusammen. Die Hauptaussage des Artikels ist: „Windkraftanlagen seien klimapolitisch sinnlos, denn der Kohlendioxid-Ausstoß werde durch sie gar nicht gesenkt.“

Wenn dem so wäre, dann würde sich die Umweltbewegung tatsächlich auf dem Holzweg befinden. Aber selbst dann müsste nicht ganz so verkorkst argumentiert werden wie in diesem SpOn-Artikel. Erstens: es geht um den Emissionshandel, und nur in zweiter Linie um die Windkraft. Und zweitens: dass in internen Verteilern der Grünen auch darüber diskutiert wird, ob die eigene Politik sinnvoll ist, oder ob es negative Nebeneffekte gibt, ist eigentlich noch keinen journalistischen Aufmacher wert, sondern genau das, was dort passieren sollte. Aber ohne diesen wenig eleganten Schlenker wäre es ja nicht so einfach, Punkt 2 – die Grünen sind schuld – mit Leben zu füllen.

Der Klima-Lügendetektor ist schließlich so freundlich, darzustellen, warum die Wahrheit komplexer ist als ein Blick in den Spiegel, und warum einige Halbwahrheiten über CO2-Zertifikate noch lange nicht zu dem Schluss führen sollten, dass Windenergie das Klima schädigt. Insbesondere nennt er drei Punkte:

1. Die Gesamtmenge an CO2-Zertifikaten ist nicht unveränderlich (wird also auch nicht durch den Ausbau von regenerativen Energien erhöht), sondern sinkt politisch festgelegt über die Jahre.

2. „Der Verkauf deutscher CO2-Zertifikate nach Polen oder in die Slowakei ist blanke Theorie. In der Praxis verfügt die deutsche Energiewirtschaft derzeit nicht über zu viele, sondern über zu wenige Verschmutzungsrechte.“

3. Einen Überschuss an CO2-Zertifikaten gab es bis Ende 2007, weil damals zu viele zugeteilt wurden — nicht wegen der Windkraft.

Noch einmal der Klima-Lügendetektor in der Zusammenfassung:

Fassen wir zusammen: In Deutschland herrscht derzeit (soweit bekannt) kein Überschuss an CO2-Zertifikaten – trotz Ausbaus der Erneuerbaren Energien und aller anderen Klimaschutzmaßnahmen. Deshalb kann es auch keinen (Netto-)Verkauf von überschüssigen Verschmutzungsrechten nach Polen oder sonstwohin geben. CO2-Einsparungen durch deutsche Windräder sorgen folglich nicht dafür, dass im Ausland mehr Klimagas ausgestoßen werden darf – im Gegenteil, sie dämpfen den Preis für die (gewollt) knappen Zertifikate und helfen somit bei der Erreichung der deutschen und europäischen Klimaziele.

Und die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen erläutert noch einmal, warum auch die CO2-Einsparungsrechnungen im SpOn-Artikel Humbug sind: auf Dauer gesehen – also nachhaltig – schützt nicht das Effizientermachen fossiler Technologien, sondern nur der Umstieg auf regenerative Energien das Klima. Ob der Emissionshandel das beste Instrument für dieses Ziel ist, und ob Lobbyorganisationen für die gute Sache blindlings vertraut werden kann, ist sicherlich etwas, was breit diskutiert werden muss. Aber dann vielleicht doch in einer etwas seriöseren Weise.

Womit, so mein Fazit aus dem Ganzen, letztlich deutlich wird, dass hinter diesem Spiegel-Artikel wohl auch schon ein Stückchen Wahlkampf steckt.

Till Westermayer

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4 Antworten zu “Spieglein, Spieglein an der Wand: Windkraft

  1. So weit, so gut. Dass der Artikel zum Thema außer unzusammenhängemden Raunen nicht viel zu sagen hatte war bzw. ist klar. Was mir aber zu denken gegeben hat war folgendes:
    „Wenn volkswirtschaftlich eine Tonne CO2 billiger durch Gebäudedämmung vermieden werden kann als durch ein Windrad, dann sollte dort der Förderschwerpunkt liegen.“ Im Zusammenhang mit der dazugehörigen Tabelle frage ich mich schon, ob unsere Prioritäten dem entsprechen. Natürlich sind wir für alle Methoden CO2 einzusparen, aber reden wir wirklich so viel mehr über Gebäudesanierung wie wir es der Effizienz nach sollten? (Gehen wir das damit verknüpfte soziale Problem ernsthaft und umfassend genug an?)
    Insofern war’s für mich doch ein guter Denkanstoss.

  2. @Markus: Es ist gut, wenn dir die Tabelle zu denken gibt, allerdings werden Windräder nicht gebaut, um günstig CO2 einzusparen!

  3. Pingback: Brief an Waldermann « sebastiankeil.de

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