Archiv des Autors: Till Westermayer

2009: Panik oder Chance?

Panic button
Foto: star5112, Lizenz: CC-BY-SA

Kein Grund zu Panik. Panik. Nachdem sich der Finanzkrisen- und Obamastaub ein wenig gelegt hat, lichtet sich der Blick auf das Jahr 2009.

Was haben wir davon zu erwarten, was wird darüber in ein paar Jahren gedacht werden: war 2009 das Jahr, in dem weltweite Panik ausbrach, oder eine Lernerfahrung und Chance? Einer meiner Lieblingsautoren, Bruce Sterling, präsentiert bei SEED beide Perspektiven: 2009 will be a year of panic vs. The true 21st century begins. Für die erste Perspektive sprechen die bekannten Krisen (Klima, Finanzen, Nationalstaaten, Demographie, …), für die zweite die Hoffnung, die sich auch im „Green New Deal“ wiederfindet, dass aus der globalen Krisenerfahrung so etwas wie ein planetarer Lernprozess erwächst.

Wie seht ihr das? Globale Panik oder Krise als Chance?

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Till Westermayer

Riskante Klimaschutztechnologie

Black baltic water (with rain)

In den letzten Wochen gab es recht heftige Auseinandersetzungen darum, ob das deutsch-indische Kooperationsprojekt LOHAFEX gestoppt werden soll oder nicht. Auch dem grünen Parteitag letztes Wochenende lag ein – aus Zeitgründen dann nicht behandelter – Antrag vor, für den Abbruch von LOHAFEX einzutreten. Heute dann die Meldung, dass aus Sicht der Bundesregierung keine rechtlichen oder ökologischen Hinderungsgründe vorliegen. Der WWF und andere bleiben kritisch.

Worum geht es? Das Schiff „Polarstern“ des Alfred-Wegener-Instituts möchte im (antarktischen) Südpazifik eine experimentelle Eisendüngung durchführen. Es soll unter realen Bedingungen untersucht werden, was mit dem Algenwachstum passiert, wenn das Meer mit 20 Tonnen Eisensulfat „gedüngt“ wird. KritikerInnen werfen LOHAFEX vor, dass dieses Experiment unkalkulierbare Auswirkungen auf die Meereslebewesen hat — und dass es gegen das erst im letzten Jahr von der 9. Vetragsstaatenkonferenz der UN-Konvention über die Sicherung der biologischen Vielfalt (CDB) verabschiedete Moratorium für derartige Düngungen verstößt. Pikanterweise liegt der Vorsitz der CDB derzeit bei Deutschland.

An dieser Stelle geht es mir nun gar nicht um das konkrete Experiment. Ich kann nicht beurteilen, ob der Nutzen durch Hinweise darauf, wie Algenwachstum und CO2-Bindung durch das Meer zusammenhängen, größer ist, als der mögliche Schaden, der durch die großflächige Experimentaldüngung erfolgt. Vielmehr sind es zwei Punkte, die beide mit Überlegungen zum „Terraforming“ Erde zusammenhängen.

Zum einen stellt sich die generelle Frage danach, ob es ökologisch und ethisch vertretbar ist, auf risikobehaftete Großtechnologien zur Bekämpfung des Klimawandels zu setzen, wie sie bisher eher in Science-Fiction-Romanen als in der Realität zu finden sind. Die Meeresdüngung ist ein Beispiel dafür, andere wären etwa die massive Verbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen mit höherer CO2-Bindung oder das Ausbringen von Partikeln in oberen Atmosphärenregionen. Also letztlich sowas wie ein globales „climate engineering“. Sind derartige Eingriffe durch den politischen Wunsch nach Klimaschutz gedeckt, oder übersteigen sie die menschliche Handlungsfähigkeit?

Zum anderen – und da wird es dann doch wieder etwas konkreter: wer entscheidet, was mit dem Planeten insgesamt geschieht? Bisher sind die entsprechenden internationalen Abkommen ja vor allem auf den Schutz vor nicht gewollten Eingriffen in globale Systeme ausgelegt (etwa das FCKW-Verbot gegen das Ozonloch, Abkommen, bestimmte Stoffe nicht zu verwenden, oder allgemeine Übereinkünfte in Richtung Schutz der Biodiversität). Die mit dem Kyoto-Protokoll verbundenen Maßnahmenbündel gehen teilweise schon in eine andere Richtung (Aufforstungen als aktive – und monetarisierbare – Klimaschutzmaßnahme beispielsweise).

Aber wie sähe das bei dem (ebenfall der Science Fiction entnommenen …) Szenario aus, dass nicht ein „kleines“ Forschungs z.B. ein Meeresdüngungsexperiment durchführt, sondern dass z.B. der neugewählte US-Präsident Obama beschließt, aufgrund der Verantwortung Amerikas für die Welt und der Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen unilateral mit Meeresdüngung (oder vergleichbaren Technologien) im industriellen Maßstab anzufangen? Vorstellbar wäre so etwas durchaus. Und dann?

Till Westermayer

P.S.: Heute finde ich bei „The Great Beyond“ (Nature) einen kurzen Hinweis auf eine Studie, die verschiedene „Geo-Engineering“-Projekte nach ihrer Effizienz (und nicht nach anderen Kriterien) untersucht hat. Demnach müsste, wenn überhaupt, eher die Atmosphäre verdunkelt werden als der Ozean gedüngt.

„Klimaschutz, um aus der wirtschaftlichen Misere herauszukommen“

Rolf Zoellner)Foto: © Rolf Zoellner

Attac-Mitgründer Sven Giegold (39) sorgte im Sommer 2008 mit der Absicht, bei Bündnis 90/Die Grünen für das Europaparlament kandidieren zu wollen, für Furore – in der globalisierungskritischen Bewegung wie in der Partei. Inzwischen ist er Mitglied der Grünen und hat dort u.a. maßgeblich am Antrag „Für einen Grünen New Deal“ mitgearbeitet, der auf dem Erfurter Bundesparteitag verabschiedet wurde. Für GREEN RENAISSANCE hat Till Westermayer ihm einige Fragen zum „Green New Deal“ und zu seinen politischen Plänen gestellt.

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Bekannt geworden bist du durch Attac, das du mit begründet hast. Vor einiger Zeit hast du angekündigt, für Bündnis 90/Die Grünen ins Europaparlament gehen zu wollen und hast dafür auch ein Votum des grünen Landesverbands NRW. Attac wird gerne als Single-Issue-Organisation zur „Globalisierungskritik“ wahrgenommen. Welchen Stellenwert haben ökologische Themen für dich? Weiterlesen

Green IT: Gramm CO2 pro Google-Anfrage

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Das Web 2.0 ist eine tolle Sache, auch, um zum Beispiel Werbung für ökologische Projekte zu machen. Oder um über Nachhaltigkeit zu bloggen. Das Web 2.0 hat allerdings auch seinen ökologischen Fussabdruck.

Jetzt wurde in der britischen Times ein Gastbeitrag des Harvard-Physikers Alex Wissner-Gross veröffentlicht, in dem es einige Überschlagsrechnungen dazu gibt, wie viel Energie – und damit letzlich auch Treibhausgasemissionen – Web 1.0 und Web 2.0 so brauchen (vgl. auch Telepolis).

Dort heißt es, dass der Aufruf komplexerer Websites – Web 2.0 – bis zu 300 mg CO2 pro Sekunde verursacht, während einfache Websites – Web 1.0 – für etwa 20 mg CO2 pro Sekunde Betrachtungszeit verantwortlich sein sollen. Dabei geht es vor allem um den Energieaufwand des Computers, mit dem die Seite betrachtet wird. Je komplexer die Seite ist, und je mehr externe Seitenaufrufe — Energieaufwand verschiedener Server – mit dem Abruf verbunden sind, desto höher werden die Emissionen eingeschätzt. Insofern ist das Web 2.0 schlecht für die Umwelt …

Besonders schlecht schneidet Google ab. Eine einfache Google-Anfrage soll demnach 5 bis 10 Gramm CO2-Emissionen verursachen, also 5000 bis 10000 mg. Schon vor einiger Zeit hat Spiegel Online darüber berichtet, dass „einmal googlen einer Stunde Licht“ entspricht — hier wurden die mit Google verbundenen Emissionen vom Mitbewerber Strato eingeschätzt.

Zum Vergleich: die angepeilte Zielvorgabe der EU für den CO2-Ausstoss im Automobilverkehr liegt bei 120 bis 140 Gramm CO2 pro Kilometer, die heutigen Autos emittieren zumeist deutlich mehr. Ein Elektrowecker braucht z.B. 22 Gramm CO2, eine Portion Bratkartoffeln 40 Gramm CO2. Wie auch immer diese Fußabdrücke genau berechnet wurden (selbst die Emissionen von Twitter lassen sich abschätzen — hier wird zugleich deutlich, wie unscharf diese Angaben sind — Grundlage für die Berechnung sind Computerlaufzeiten eines „Standard-Computers“, die wohl recht hoch geschätzt wurden, ebenso die Schreib- und Lesezeiten. Und das „eh laufen“ ist nochmal eine ganz andere Frage).

Zurück zum vergleichsweise hohen CO2-Ausstoss für Suchanfragen bei Google. Der Grund dafür liegt laut Times in der Infrastruktur, die Google zur Bearbeitung von Suchanfragen verwendet: eine Anfrage wird an mehrere Rechenzentren weitergeleitet, die parallel die Antwort berechnen — die schnellste Reaktion wird dann zurückgegeben.

Google selbst geht allerdings von ganz anderen Daten aus, nämlich von 200 mg bzw. 0,2 Gramm CO2 pro Suchanfrage. Zudem wird auf die eigenen Anstrengungen in Richtung „greening IT“ hingewiesen.

Interessant an dieser ganzen Debatte sind vor allem die indirekten Wirkungen: wer denkt beim Eintippen einer Suchanfrage in die Firefox-Searchbox oder ins Handy schon daran, dass dafür Server in mehreren Rechenzentren schuften müssen – und bisher jedenfalls noch nicht ganz unbedeutende Mengen CO2 dafür freigesetzt werden?

Gute Vorsätze leicht gemacht: Stromwechsel

Signature

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele eigentlich irgendwie ökologisch eingestellte Menschen noch immer keinen Ökostrom beziehen. Diesen kleinen Konsumwandel-Schritt zu gehen, zählt deswegen sicher für einige zu den Neujahrsvorsätzen. Gut so! Da es sich dabei faktisch vor allem um Verrechnungsleistungen zwischen Stromproduzenten handelt, und keinerlei Kabel verlegt werden müssen o.ä., ist das tatsächlich eine Sache von wenigen Minuten.

Wir selbst sind seit einigen Jahren bei den Elektrizitätswerken Schönau (EWS). Preislich sind die äußerst moderat und haben auch deutlich weniger stark angezogen als die Normalpreise der großen Anbieter und großen Stadtwerke. Ökologisch sind sie, soweit ich das beurteilen kann, einigermaßen sinnvoll: der mit unserem Elektrizitätsbezug verrechnete Strom kommt zu etwa 7 % aus modernen Erdgas-Kraft-Wärme-Kopplungen, der Rest ist regenerativ (vorwiegend Wasserkraft aus Neuanlagen). Und die Haltung — statt den Konzessionsvertrag zu verlängern, einfach mal einen neuen und besseren Energieversorger aus dem Boden zu stampfen — gefällt mir auch sehr gut.

Aber ich will jetzt gar nicht für EWS Werbung machen, sondern lieber auf die Website Atomausstieg selber machen hinweisen, die von 21 Verbänden aus dem Umwelt- und Entwicklungsbereich getragen wird und alle Informationen dazu bereit hält, wie in wenigen Schritten vom derzeitigen Versorger zu einem der vier unabhängigen Ökostromanbieter (EWS Schönau, Naturstrom, Lichtblick, Greenpeace Energy) gewechselt werden kann.

Vielleicht klappt’s ja sogar noch vor der Silvesterfeier — die besten guten Vorsätze sind solche, die gar nicht erst gebrochen werden können.

Till Westermayer

Nächste Ausfahrt Weihnachten

Bruchsal I

Weihnachten ist ja nicht nur durch Konsumsteigerungen und Einkaufsstres gekennzeichnet, sondern auch durch Mobilität. Hin zur Familie, weg von der Familie, ganz woanders hin. „Green Renaissance“ hat deswegen gefragt: Wo verbringst du die Weihnachtszeit – und wie kommst du hin?

Diana: „Ich feiere Weihnachten und Silvester dieses Jahr in Freiburg (normalerweise findet mindestens eines davon für mich woanders statt), aber die, die mit mir feiern, kommen mit dem Zug.“

Peter: „Weihnachten verbringe ich bei meinen Eltern. Ich fahre mit dem Zug dorthin.“

Katja: „Weihnachten und Neujahr in Deutschlands Süden. Peinlicherweise bin ich die einzige, die eine Strecke fliegt, der Rest fährt Zug, Autoreisezug und Auto. Ein Auto ist dabei ein Carsharing-Fahrzeug, weil zumindest für einen Teil meiner Familie Mobilität im Allgemeinen autofrei stattfindet.“

Dirk: „… auf dem Weg zu Schwiegereltern und Eltern verlasse ich mich auf die DB AG. Freue mich, dass die Bahn immer noch nicht privatisiert ist und hoffe dass dies so bleibt.“

Zumindest unter den an „Green Renaissance“ Beteiligten scheint es also eine klare Präferenz fürs Zugfahren zu geben – und für Weihnachtsfeiern mit der Familie. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bleibt die Frage: Wo und wie verbringen die Leserinnen und Leser von „Green Renaissance“ die Weihnachtszeit?

Konservative besonders umweltengagiert?


Berichtetes Umweltverhalten (Anteile „stimme voll und ganz zu“) nach sozialen Milieus; Datenquelle: Studie Umweltbewusstsein 2008. Zum Vergrößern anklicken.

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Ich hatte ja bereits vor einigen Tagen etwas zur Studie „Umweltbewusstsein 2008“ geschrieben, die auch eine Auswertung der Fragen zu den berichteten Umwelteinstellungen und zum Umwelthandeln nach sozialen Milieus (SINUS) enthält.

Auf einen Punkt bin ich nicht näher eingegangen und möchte das jetzt gerne nachtragen, nämlich auf eine interessante Diskrepanz zwischen der Bedeutung, die dem Umweltschutz zugesprochen wird („Umweltbewusstsein“), und dem berichteten Umwelthandeln. Das „Umweltbewusstsein“ im eigentlich Sinne ist erwartungsgemäß im postmateriellen Milieu mit 64 Prozent Zustimmung besonders hoch. Mit am niedrigsten ist die Zustimmung im Milieu der Konservativen (das entspricht in etwa dem klassischen wertebewussten Großbürgertum — hoher Bildungs- und Sozialstatus, traditionelle Wertorientierung).

Wird jetzt auf das berichtete Umwelthandeln geschaut (siehe Abbildung oben), ergibt sich eine verblüffende Umkehrung — ich habe extra nochmal bei den AutorInnen der Studie nachgefragt, ob die Daten auch richtig abgedruckt wurden. Hier sind es nämlich die Konservativen, die bei der Frage, ob für sie der Energieverbrauch bei der Anschaffung von Haushaltsgeräten sehr wichtig ist, oder ob sie immer Obst und Gemüse aus der Region kaufen, mit 84 bzw. 52 Prozent für „stimme voll und ganz zu“ die anderne Milieus deutlich abhängen. Die Postmateriellen liegen dagegen bei diesen Fragen im oberen Mittelfeld wie die anderen „Leitmilieus“ auch. Dass die Leitmilieus hier generelle vorne liegen, hat — so, nebenbei gesagt, meine Vermutung — auch etwas mit dem Geldbeutel zu tun.

Zurück zum konservativen Umweltengagement im Alltag. Wie diese Befunde zu deuten sind, ist mir nicht so ganz klar. Es kann sein, dass die hier sichtbare Diskrepanz vor allem etwas mit statistischen Artefakten zu tun hat. Oder dass hier eher versucht wird, der angenommenen Erwartung der InterviewerInnen (oder dem zur Zeitpunkt der Befragung gerade virulenten „bürgerlichen Umweltschutzhype“ gerecht zu werden). Ich warte jedenfalls gespannt auf die für das Frühjahr angekündigte wissenschaftliche Detailauswertung der Studie.

Till Westermayer